Die Zeit ist ein seltsamer Zeitgenosse. Und unser Zeitempfinden scheint unwillkürlichen Schwankungen zu unterliegen. Wieder in Hamburg, wieder durch das Drehkreuz am Oswalds‘kai, eine Nummer für die Fahrzeuge gezogen und wieder hoch in den ersten Stock an den Schalter. Eben gerade waren wir doch noch hier und haben den Iveco abgegeben. Und sassen da nicht genau die gleichen Truckerfahrer und schlürften gelangweilt ihren Automatenkaffee? Eben - das war vor ziemlich genau zwei Jahren - kommt uns irgendwie nicht so vor.


Tja. Mal sehen, was der Hafen von Hamburg für uns so in Petto hat. Könnte ja sein, dass unsere Kontrollschilder aus Costa Rica das System blockieren. Nach fünf Minuten stehen wir am Schalter, wo der nette Beamte schnell herausfindet, dass der Sprinter noch nicht als Entladen verzeichnet ist. Unter Entschuldigungen bittet er uns noch zu warten, maximal drei bis vier Stunden, dann sei alles erledigt und wir können das Auto aus dem Hafen fahren. Ihm ist es leicht unangenehm, wir lachen in uns hinein. Europa hat uns wieder!


15 Minuten später sind wir beim Bahnhof Veddel und suchen einen Geldautomaten. Unser erster Eindruck von Hamburg nach zwei Jahren ist... irgendwie türkisch. Wunderschönes Gemüse wird da feil geboten, die Männer sitzen mit ihrem Tee auf der Strasse, die Frauen sind vermummt. Willkommen in Deutschland. Wir kriegen jedenfalls um die Ecke billige Euros und fahren in die Stadt. Wow! Ein wunderschöner Frühlingstag bietet die perfekte Kulisse für einen ersten Stadtbummel. Wir stromern durch den Bahnhof und können uns nach vier Wochen kulinarischem - und optischem Mangel nicht satt sehen. Aber erst mal müssen wir zu ADAC. Dort kriegen wir ohne Aufhebens in Rekordzeit für 105 Euro eine Grenzversicherung. Mit dieser ist der Sprinter für 29 Tage versichert, auch in der Schweiz. Wir sind froh, dass das geklappt hat! Wenig später klingelt das Telefon, der Sprinter sei bereit zum Abholen - es ist keine Stunde vergangen, seit wir den Hafen verlassen haben.

Wenig später sind wir wieder im Abfertigungsgebäude, haben uns eben eine Nummer (Fahrzeuge) gezogen und hingesetzt. Kaum eine Minute später kommt ein netter Mensch vom Zoll zu uns. „ Sie brauchen nicht zu warten, ist alles schon erledigt, sie können rausfahren.“ Wir sind platt. Nochmals durchs Drehkreuz, zum Sprinter, durch die Schranke und raus aus dem Hafen zum Campingplatz.


Auch dort alles wie gehabt. Wir stellen den Sprinter fast auf den selben Platz, auf welchem vor zwei Jahren der Iveco gestanden hat und räumen erst mal alles wieder an seinen Platz. Kurz halten wir inne. Keine Schäden, keine Einbrüche - Danke!


Am nächsten Morgen wieder herrliches Wetter. Wir fahren los und haben nach 10 Kilometer Autobahn schon die Schnauze voll. Schnell beim Navi die Autobahn rausschmeissen, die nächste Ausfahrt raus und schon fahren wir mit gemütlichen 90 Sachen durch endlose Wälder. So passt das schon besser. Wir geniessen es, durch die kleinen, schmucken Dörfer zu fahren, kaufen irgendwo schön ein und freuen uns auf das erste selbstgekochte Essen seit vier Wochen. Irgendwann geht die flache Landschaft in Hügel und die Hügel in ein Minigebirge über. Wir sind im Harz.

Ganz oben, Torfmoos heisst das, finden wir einen grossen Parkplatz. Hier bleiben wir. Bei einem Erkundungsgang finden wir erst Wanderwege, dann ein sehr gemütliches Restaurant, welches einen Sonntagsbrunch anbietet. Heute Samstag. Perfekt. Eine kalte Nacht später sitzen wir im rappelvollen Restaurant und ergehen uns in lukullischen Genüssen. Alles ist gut zubereitet, schmeckt und macht Laune. Kurz vor der Fressnarkose halten wir inne und wälzen uns auf einen Wanderweg zum Broken. Nach einer halben Stunde setzt die Verdauung ein und wir sind flott unterwegs. Wunderschön. Wie wir DAS geniessen. Kann man sich kaum Vorstellen, aber nach vier Wochen auf dem Schiff ist es der pure Genuss durch den winterlichen Harz zu wandern. Noch liegt Schnee auf den Wegen, was uns noch mehr Spass bereitet.


Noch ein wenig Sonne getankt, dann gondeln wir wieder los. Wunderschön kurven wir durch den Harz, dann in die Ostzone, alles runter nach Weimar. Eine sehr schöne Fahrt, uns gefällt es hier und die Autobahnen können uns diesmal noch gestohlen bleiben. Wir haben es nicht eilig!

Abends legen wir in Weimar bei Christine und Urs eine Punktlandung ein. Auf diesen Moment haben wir uns besonders gefreut. Fast zwei Jahre lang haben wir nach unseren Wanderwochen in den Rockys mit ihnen Kontakt gehalten und versprochen, auf der Heimreise bei ihnen zu halten. Und nun sind wir da. Riesenfreude.


Weniger Freude macht uns der Sprinter. Seit Hamburg wurde er zunehmend schwammiger zu lenken, fast schon gefährlich im kurvigen Harz. Da passte es, dass wir in der unmittelbaren Nähe unserer Freunde eine MB Nutzfahrzeuge Werkstatt gesehen haben. Eigentlich wollten wir ja noch bis Österreich zu Oberaigner fahren, aber die 600 Kilometer trauen wir dem Sprinter irgendwie nicht mehr zu.

In der Werkstatt haben sie Zeit, und wir lassen ihn da. Und da ist er nun seit drei Tagen. Die schlechten Strassen haben ihren Zoll gefordert und die Carretera Austral hat dem Fahrwerk den Rest gegeben. Die Traggelenke sind ausgeleiert und die Lenkungsdämpfer haben sich eigentlich aufgelöst. Zudem muss dringend das vordere Differenzial abgedichtet werden, und und und... billig wird das nicht!


Tja. Und so sind wir hier sehr freiwillig und gerne für vier Tage gestrandet! Christine unternahm mit uns eine wunderschöne Wanderung bei Jena, wir besuchten das KZ Buchenwald und erholen uns davon bei einem Bummel durch Weimar.

Morgen geht es weiter, nach Starnberg zu Verwandten, dann nach Luzern wo unsere Reise ihr Ende finden wird.


Ich werde hier noch ein Mal schreiben, von unserer Rückkehr. Der letzte Eintrag wird das dann. Jawoll!

 

Donnerstag, 29. März 2012

Km 64 180 - Hamburg - Harz - Weimar

 
 
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